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saitn_kl.gifSAI_NO1.GIF30. Juli 1996

Neue Musik

saitenweise-Lexikon

Die Rolle der Tonalität in der Gegenwart aus meiner Sicht

-Neue Musik- Das ist die neue Serie, die sich mit den unterschiedlichen Spielarten der zeitgenössischen Musik befassen soll. Als Einstieg ein Artikel von Johanna MALE

Die Stellung der Tonalität in der Musik der Gegenwart ist meiner Meinung nach eine äußerst interessante, weil von einer ganz bestimmten Seite her zu betrachtende: Die Tonalität ist nicht mehr Vorrausetzung, also das „Richtige“. Dissonanz ist nicht mehr ein Ausbrechen aus diesem Richtigen, ist nicht mehr „falsch“. Tonikabezogenheit und Kadenz, Auflösung, gewisse Aneinanderreihungen von Stufen, all das ist nicht mehr dominierende Grundlage. All das, was ich hier jetzt aufgezählt habe, würde ich aber als „Spielregeln“ der Kompositionen vergangener Jahrhunderte bezeichnen. Ich glaube, die gesamte Wissenschaft der Analyse von Musikstücken, sei sie strukturell oder harmonisch, beruht auf dem Herausfinden jener Spielregeln, jenes „Clou’s“, den der Komponist seinem Werk zugrunde gelegt hat. Wie drückt er Spannung, Emotion, Entspannung aus, wie deutet er Texte, wie könnten Texte lauten, die das Stück ausdrückt? - Diese Fragen finden oft Antwort in der Deutung der harmonischen Struktur von Musik und ihrer Geschichte. In der Musik des 20. Jahrhunderts findet sich der Analytiker mit ganz neuen Spielregeln konfrontiert. Betrachtet man Arnold SCHÖNBERGs Zwölftonreihen, so kann man sie, meiner Meinung nach, als Bausteine auffassen, wie es eben früher die Kadenz, die Akkorde der Hauptstufen waren. - Nur sind sie eben anders geartetes, anders klingendes Grundmaterial, mit dem „gespielt“ wird. Denkt man an Serielle Musik, so findet man das Material aufgelistet, genau festgelegt nach Länge, Lautstärke und Klangfarbe (Tonhöhe). Beschäftigt man sich aber mit Minimal Music, so ist auch hier genau zu erkennen, mit welchen Elementen der Komponist arbeitet.

Keinesfalls möchte ich behaupten, daß in früherer Musik die Tonikabezogenheit das einzige ist, was Struktur ausmacht, was der Musik Form und Rahmen oder Bedeutung gibt. Ich möchte die Tonalität aber als etwas hinstellen, was dem Hörer als eine Art Anhaltspunkt dient. Hier kennt er sich aus, in diesen Klängen „fühlt er sich zuhause“. Tonalität vermittelt ein Art Logik, Logik vermittelt Tonalität. - Tatsache ist, daß das menschliche Ohr unserer Zeit sie gewohnt ist, sie als wohlklingend empfindet. Tonalität ist von einer Grundvorraussetzung zu einer Möglichkeit unter vielen geworden Wo kann man sich in der nicht-tonalen Komposition wohlfühlen?! Atonalität soll hier nicht mit Dissonanz verwechselt werden, und das ist der springende Punkt. Klänge, angenehme oder unangenehme, - wenn sie nach irgendeinem System, besser gesagt, aus irgendeinem Grund aneinandergereiht sind - so kann sich der hörende Mensch orientieren, kann es verstehen, „geht mit der Musik mit“. Grund für die Aneinanderreihung von Klängen oder Aktionen kann auch die Auskostung des Zufalls, also der „Nicht-Grund“ sein, denkt man an die Aleatorik oder die „Zufallsmusik“ von John CAGE.

Tonalität ist, denke ich, von einer Grundvorraussetzung zu einer Möglichkeit unter vielen geworden. Man sie kann sie negieren, imitieren, parodieren, sie sich „als Luxus leisten“, sie verschleiern, bewußt von ihr absehen, an sie erinnern, sie vergessen, sie aufatmend erreichen oder aufatmend von ihr lassen. Sie ist nicht omnipräsente Grundlage, aus der sich alles andere entwickelt. Die Gründe aber, aus denen sich meines Erachtens Tonalität entwickelte, spiegeln sich in der Musik unseres Jahrhunderts immer und auf verschiedenste Arten genauso wider: nämlich der Wunsch des Menschen, sich aus der Ratlosigkeit des „Alles-tun-Könnens zu retten, und sich ein System, eine Eingrenzung des Materials, einen „Sinn“ zu suchen.

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