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Saitenweise.. . . . . . . . . .30. Juli 1998 . . . . . . . . . . Nummer 7

Kommentar

Randerscheinungen
 
Was wäre ein Wiener ohne seinen Wald, ein Spanier ohne Gibraltar oder ein Irländer ohne “The Cliffs of Moher”?
An den Rändern Europas: Über “Wien modern 1998” von Veronika Großberger
Ränder trennen zwei Bereiche, oder anders gesehen, unterbrechen ein Kontinuum. Ränder schließen ab, beschützen uns vor der Unendlichkeit, diesem unbehaglichen Gedanken, Ränder sind eine Hilfe für Unvorstellbares.
Es reizt aber auch, über einen Rand hinwegzublicken, die zweite, die andere (metaphysische) Seite zu entdecken. Den Rändern ist eine Ambivalenz und Spannung immanent, die sich durch das “Dazwischen-sein”, das "Interesse", ergibt. Das Interesse aber wiederum erfordert ein “Bei sich sein”, ein Konzentrieren des Menschen, um die Zweigleisigkeit, die Diametralität, vielleicht aber auch das Verschmelzen von Rändern zu einem Ganzen zu begreifen.
Manchmal hat man das Gefühl, daß für viele Wiener der Rand Europas bereits am Gürtel beginnt und alles, was darüber hinausgeht, schon zum Orient gehört.
Aber nein, in Wirklichkeit ist ja Wien “anders”, weltoffen und tolerant. Deswegen gibt es im “Kulturzentrum Wien” auch seit Jahren (bereits zum 11.Mal) das Festival “Wien modern”, das keineswegs mehr zu den Randerscheinungen des Wiener Kulturlebens zu zählen ist. Das vierwöchige Festival hat sich zum Anziehungspunkt für Neugierige und Entdeckungsfreudige entwickelt und zieht inzwischen ein sehr buntes, anspruchsvolles Publikum an, das keineswegs einen elitären Anspruch erhebt.
Der äußerst spannende Ansatz des Festivals, die Ränder Europas musikalisch ins Rampenlicht zu stellen, birgt eine Fülle an einzelnen Komponistenpersönlichkeiten in sich, die einer eingehenderen Betrachtung wert wären.
So schreitet der Besucher die Ränder Europas ab, gebietet sich immer wieder Einhalt, wenn die Neugier zu größerem Interesse erwächst und läßt den “Anhaltspunkt” zum Zentrum werden. Galina Ustwolskaja und Sofia Gubaidulina, Christóbal Halffter und Jani Christou sind nur eine geringe Auswahl der Musikerpersönlichkeiten, die es hier zu entdecken gilt.
Spanien und Irland, Griechenland und Lettland rücken einander näher, allein dadurch, daß sie trotz aller Gegensätze und individueller Charakteristik nebeneinander stehen, uns vergleichen lassen, Gemeinsamkeiten und Konnotationen erforschend, aber nichts Eigenständiges überdeckend.
Wien modern 1998 fand vom 31. Oktober bis zum 30. November im Konzerthaus und Musikverein  statt.
Nachsatz: Wer gedacht hat, daß Österreich auch nur annähernd im Zentrum Europas liegt, muß enttäuscht werden. Der Wien Modern Almanach belehrt uns eines Besseren: Der geographische Mittelpunkt Europas liegt in Litauen!!!!! ¨


made by Werner Goebl, 06.02.1999