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Saitenweise.  . . . . . . . . . .30. Juli 1998 . . . . . . . . . . Nummer 6

Soundscape

Wie bitte?

Klangbeispiele
Literatur
Bernhard Laback
WIEBITT4.GIF So lautet die häufigste Reaktion auf die Frage nach meiner Tätigkeit. Wenn ich daraufhin wiederhole, daß ich mich mit Musikwahrnehmung im geschädigten Gehör beschäftige, so artet dies meist in Gelächter aus, wobei manchmal ein leicht besorgter Blick meines Gesprächspartners nicht zu übersehen ist. Zugegeben: die Frage nach einer Wiederholung des Gesagten kann auf inhaltliche Unverständlichkeit bzw. schlechte Artikulation meinerseits zurückzuführen sein, aber es bleibt unüberhörbar, daß – aus welchen Gründen auch immer – Gesprochenes häufig nicht auf Anhieb verstanden wird. Von Bernhard Laback

So leistungsfähig und sensibel unser Gehör auch ist (wie im Bericht von P. Wilscher und W. Goebl in saitenweise Nr. 2/1997 beschrieben wurde), so anfällig ist es gegenüber Schädigungen, die aus traumatischen Verletzungen, genetischen oder medikamentösen Einflüssen und – weitaus am häufigten – aus akustischer Überreizung resultieren. Sind die drei erstgenannten Ursachen schicksalshaft vorbestimmt, so können wir akustische Überreizung meist selbst verhindern, da sie im Großteil der Fälle an Orten und in Situationen auftritt, in die wir uns freiwillig begeben. Als Beispiele seien hier Diskotheken, Walkmanexzesse oder elektroakustisch verstärkte Konzerte genannt. Da diese Zeitschrift primär musikalisch interessierte Leser und daher meist auch praktizierende Musiker anspricht, wird hier auf eine weitere potentielle Gefahr näher eingegangen: die dauerhafte Überstrapazierung des Gehörs mit zu lauten Schallpegeln beim Instrumentalspiel.

Aus Untersuchungen ist bekannt, daß Musizieren bei zu hohen Schallpegeln und über lange Zeit hinweg irreparable Beeinträchtigungen der Hörleistung bewirken kann. Besonders gefährlich sind natürlich laute Instrumente wie Blechblasinstrumente oder Schlagwerk. Aber auch der von einer Geige abgestrahlte Schalldruck, der besonders stark auf das linke, der Geige nähere Ohr einwirkt, kann zu dauerhaften Hörverlusten führen. Im Orchesterspiel sind wiederum diejenigen Musiker besonders gefährdet, die im direkten Schallabstrahlungsbereich der lauten Instrumente positioniert sind. In der üblichen Orchesteraufstellung trifft dieses Schicksal vor allem die vor den Blechbläsern sitzenden Holzbläser.

Um übereiltes Entsetzten zu vermeiden, wird gleich an dieser Stelle angemerkt, daß: 1. potentielle Schädigungen mit geringem Aufwand vermieden werden können, und 2. bereits erlittene Schädigungen durch Musikausübung zwar einen Verlust an Sensitivität bedeuten können, aber nicht automatisch eine starke Beeinträchtigung und die Verordnung eines Hörgerätes zur Folge haben. Um beurteilen zu können, welche Schallquellen „gefährliche“ Pegelwerte abstrahlen, wird der an das Ohr gelangende Schalldruck mittels Schallpegelmessern quantifiziert, und mit empirisch ermittelten Grenzwerten verglichen. Dabei ist die Einwirkungsdauer ein wichtiger Faktor, d. h. das Gehör ist nur bei kurzzeitig hoher Belastung in der Lage, sich wieder zu regenerieren. Abbildung 1 zeigt in der oberen Skala verschiedene Pegelwerte in dB(A), und in der unteren Skala die entsprechenden, höchstzulässigen Einwirkungszeiten in Stunden bzw. Minuten pro Woche (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1
Abbildung 1: maximal zulässige Einwirkungszeit bei verschieden lauten Schallpegeln, bevor Hörschäden auftreten

Bei einer Blasmusikprobe in einem Schulzimmer werden zum Beispiel 90 - 95 dB(A) erreicht, bei Blechblasinstrumenten, Schlagzeug oder einer Violine alleine können aber genauso hohe, und im Falle direkter „Bestrahlung“ sogar noch höhere Werte erreicht werden. Ein Vergleich mit der Tabelle zeigt, daß Musizieren unter den oben genannten Bedingungen nur bis zu ca. 10 Stunden pro Woche risikolos möglich ist. Im Vergleich dazu erreichen Rockkonzerte mittlere Schallpegel von 100-115 db(A) im Zuhörerbereich, und können somit schon bei sehr kurzer Dauer gefährlich sein. Dieses Beispiel soll aber nicht die zuvor genannten Verhältnisse beim aktiven Musizieren mit unverstärkten Instrumenten relativieren, sondern vielmehr deren besondere Schädlichkeit betonen.

Welche präventiven Maßnahmen kann man nun ergreifen? Im Musikfachhandel sind speziell für bestimmte Instrumententypen entwickelte Gehörschutzpfropfen erhältlich, die den ans Ohr gelangenden Schalldruckpegel um 15-30 dB reduzieren, aber den jeweiligen Instrumentenklang möglichst wenig verfälschen. Worin bestehen die physiologischen und perzeptiven Auswirkungen bei Nichtbeachtung? Die klangliche Charakteristik der Schallquelle bestimmt bis zu einem bestimmten Grad die Charakteristik der Hörstörung: jene Frequenzbereiche, die mit besonders hohem Pegel an das Innenohr übertragen werden, sind in Folge am stärksten von der Schädigung betroffen.

Abbildung 2
Abbildung 2: Audiogramm, handgezeichnet. Normalhörender (durchgezogene Linie),
mittelgradig Hörgeschädigter (gestrichelte Linie)

Physiologisch wirkt sich die Schädigung in der Degenerierung bzw. dem Absterben der Haarzellen aus, die für diese Frequenzbereiche verantwortlich sind. Der Verlust an Sensitivität in den verschiedenen Frequenzregionen wird mittels einer Audiogrammessung erfaßt.

Abbildung 2 zeigt das Audiogramm eines Normalhörenden (durchgezogene Linie) und eines mittelgradig Hörgeschädigten (strichlierte Linie). Auf der Abszisse sind die Frequenzen zwischen 125 und 8000 Hz eingetragen, und auf der Ordinate der Hörverlust in dB. Jede Abweichung der Kurve von der 0 dB-Linie am oberen Rand nach unten bedeutet einen Hörverlust im entsprechenden Frequenzbereich. Zu diesem sogenannten Audiogramm-Hörverlust ge- sellen sich in vielen Fällen noch weitere Verschlechterungen in der Gehörleistung. Beispielsweise ist die Fähigkeit reduziert, die einzelnen Frequenzkomponenten eines Instrumentenklanges zu separieren, wodurch die Klangfarbenwahrnehmung verändert ist. Auch können die einzelnen Instrumente eines Orchesters schlechter herausgehört werden. Fast immer sind auch die empfundenen Lautstärkeverhältnisse zwischen den lauten und leisen Stellen in einem Musikstück verfälscht.

Abbildung 3
Abbildung 3: Audiogramm. Würden die Linien den abgesetzten Bereich links unten
(ab 40 dB und bis 3000 Hz) schneiden, würde das erhebliche Hörschäden
bedeuten (d.h. z.B. einem Gespräch nur mehr schwer folgen können!).
Dunkler Bereich rechts oben: Hörverlust bei einer zehnjährigen
Lärmbelastung von durchschnittlich 95 dB.

Um einen Eindruck von diesen Verschlechterungen zu bekommen, können die folgenden Klangbeispiele auf der saitenweise-Homepage aufgerufen werden, die den Klangeindruck von 2 Musikexzerpten im geschädigten Gehör simulieren.

J.S.Bach: aus der h-Moll-Messe:

Audio-File
(.wav; ca. 894KB)
RealAudio
(28.8 modem)
RealAudio
(ISDN-Modem)

Dave Grusin: punta del sol:

Audio-File
(.wav; ca. 1,3MB
)
RealAudio
(28.8 modem)
RealAudio
(ISDN-Modem)
Download RealAudioPlayer for free!!

(immer zuerst original, dann aus der „Sicht“ des Hörgeschädigten.)

Um die Effekte möglichst hervorzuheben, wurden mittelgradige Hörverluste von ca. 40-50 dB ausgewählt. Bis zum Erreichen solcher Hörverluste müßte ein Musiker allerdings schon sehr lange und laut ohne Gehörschutz üben. Auf die Wahrnehmung von Sprache hat ein derartiger Hörverlust ebenso schwerwiegende Auswirkungen wie bei Musik. Besonders beeinträchtigt ist die Verständlichkeit von Sprache dann, wenn im Hintergrund Störgeräusche auftreten.

Es bleibt zu hoffen, daß Ihr Euer Gehör hoch genug schätzt, um die Worte „Wie bitte?“ auch in Zukunft nicht zu den von Euch am häufigsten gestellten Fragen zählen zu müssen.

Literatur: Feldmann, H., Kumpf, W. (1988): Musikhören bei Schwerhörigkeit mit und ohne Hörgerät, Laryng. Rhinol. Otol. 67, 489-497. Hohmann, B. W. (1996): Musik und Hörschäden, Informationsbroschüre der SUVA (Schweizerische Unfallversicherungsanstalt), Luzern. Laback, B. (1998): Effekte der Simultanmaskierung auf die Musikperzeption bei sensorineuralen Hörschäden und ihre Anwendung für Signalverarbeitungsalgorithmen in Hörgeräten, Dissertation, Universität Wien.

Bernhard Laback studierte Musikwissenschaft und Tontechnik. Er dissertiert im Augenblick an der Komission für Schallforschung über das Thema: Schwerhörigkeit und Musik und die Auswirkungen auf die Praxis.


made by Werner Goebl, 12.08.1998, last update 16.08.1998