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Saitenweise.  . . . . . . . . . .30. Juli 1998 . . . . . . . . . . Nummer 6

Musikgeschichte

Let´s Gersh & win!

George Gershwin Überbrücker zwischen U- und E- Musik zum 100. Geburtstag. Von Veronika Großberger

George Gershwin

Der „Fall” Gershwin ist das lebendige Beispiel dafür, daß das Aufeinandertreffen verschiedenster Kulturen die reichhaltigste Basis für einen Künstler darstellt. Die Familie Gershowitz Als Sohn einer russisch-jüdischen Einwandererfamilie wuchs Gershwin im New York der Jahrhundertwende auf. Flexibilität war eine der Voraussetzungen des Lebens der Gershowitz, wie sie sich damals noch nannten: Der Vater, ein mehr oder weniger erfolgreicher Kaufmann, betrieb die verschiedensten Unternehmen: Restaurants, russische und türkische Bäder, Bäckereien, einen Zigarrenladen.

Ira, Bruder und künstlerischer Partner von George schreibt über diese Zeit: „Wir zogen ständig um. Wenn mein Vater ein Geschäft verkauft und ein neues begonnen hatte, zogen wir unweigerlich in die Nähe dieses Geschäfts. George und ich sind in der Erinnerung auf fünfundzwanzig verschiedene Wohnungen und Häuser gekommen, in denen wir während dieser Jahre gelebt haben.” Aber warum erwähne ich das überhaupt? Weil ich der Meinung bin, daß Gershwin diese Fähigkeit der Anpassung (im positiven Sinne!) und Bereitschaft zur Veränderung von seiner Familie mitgegeben worden ist und für sein musikalisches Schaffen ausschlaggebend war. Zudem bringen die vielen Ortswechsel die verschiedenartigsten Eindrücke der einzelnen New Yorker Viertel mit sich, die für Gershwin sicher auch nuancenreiches musikalisches Terrain boten.

Dieser Ansatz stammt von Gershwin selbst, der immer wieder betonte, wie stark seine Musik an Assoziationen und Erlebnisse gebunden sei. So sei zum Beispiel die Rhapsody in Blue bei einer Eisenbahnfahrt, die Second Rhapsody beim Anblick der Nietenreihen der Manhatten Bridge enstanden.

Der musikalische Weg

Bemerkenswert und ebenso vielschichtig ist Gershwins Weg zur Musik: Aufgewachsen in einer völlig „unmusikalischen” Familie, erlernte er an einem Klavier, das eigentlich für seinen Bruder Ira bestimmt war, die populären Melodien aus den Straßen von Brooklyn. Dieses Klavier, das kurioserweise durchs Fenster in die Wohnung befördert wurde, kann man als ersten Schritt der musikalischen Laufbahn nennen. Gershwin lernte dabei nicht etwa Schritt für Schritt die Noten und Harmonien, sondern ging den umgekehrten, unbewußten Weg des Lernens: Er experimentierte mit Klängen und Melodien von der Straße, ohne sich jemals mit technischen und theoretischen Fragen beschäftigt zu haben.

Die erste systematische Einführung in die Musik erhielt Gershwin erst im Alter von 14 Jahren durch seinen Lehrer Charles Hambitzer: Er machte den jungen Pianisten mit den Werken Bachs, Beethovens, Chopins und den damals sehr beliebten französischen Impressionisten Ravel und Debussy bekannt. Seine erste Komposition aus dem Jahr 1913 muß unter Einfluß der klassischen Musik entstanden sein, sie trägt skurilerweise den Titel „Ragging the Träumerei” (Leider ist sie nicht erhalten). Die dritte musikalische „Schiene” beginnt Gershwin als 15jähriger, als er beschließt, die Schule abzubrechen und selbständig zu werden. Er bewirbt sich bei dem Verleger Remick als Piano Pounder auf der Tin Pan Alley: Tin Pan Alley (tin pan = Blechpfanne) war damals eine sehr populäre Verlegerstraße, in der die Herausgeber ihre neuesten Hits und Schlager durch Klavierspieler (Piano Pounders) präsentierten. Daher ist es leicht zu erklären, warum diese Straße, welche von einem Konglomerat verschiedenartigster Musik dominiert wurde, „Blechpfannenstraße” genannt wurde. Aus allen Fenstern dröhnte die Klaviermusik. Das Nebeneinander und die Überlagerung von Musik ist ein ganz typisch amerikanisches Element, das auch in Gershwins Werken zum Durchschein kommt. Nebenbei lernte Gershwin, was beim Publikum ankam und was durchfiel, eine Komponente, die für seine Broadway-Karriere sicherlich entscheidend war.

KarikaturIra and George Gershwin, Karikatur von Al Hirschfeld

Sein überaus großer Lerneifer und seine Offenheit für neue Ansätze hielten ihn auch in späteren Jahren nicht davon ab, Kompositionsunterricht zu nehmen. Dazu kommt noch die Ambition Gershwins die Etikettierung des Songwriters abzulegen und als „Komponist” zu gelten. Denn er litt Zeit seines Leben unter der Schubladisierung seiner Musik in den Bereich der Unterhaltung. Er empfand seinen Ausbildungsrückstand in Harmonielehre, Satztechnik und Theorie als Makel. Es gibt eine nette Anekdote zu diesem Thema: Gershwin wollte wieder einmal theoretischen Unterricht bei einem Komponisten nehmen, diesmal bei Ravel. Dieser reagierte folgendermaßen: „Warum wollen Sie ein zweitklassiger Ravel werden, wenn Sie ein erstklassiger Gershwin sind?” Ravel erkannte, daß der Mangel an Theorie die Stärke in Gershwins Musik war und den Werken seine Kraft und Spontaneität gab. Das Aufkommen einer neuen Musiksparte, nämlich der Film- und Musicalmusik, setzt natürlich auch einen ganz anderen, nämlich prosaischen Umgang mit Kunst voraus: Der Produktionsvorgang geschieht in Teamwork von Komponisten, Texter und Regisseur, und man arbeitet konkret auf die Aufführung zu. Dieser direkte Bezugspunkt zum Werk nimmt der Kunst seinen mystischen Schleier. Vielleicht ist es das, was Gershwin soviel Kritik als seriöser Komponist eingebracht hat?

Werke

Gershwin komponierte etwa 450 (!) Songs, darunter nur wenige eigenständige. Die meisten entstammen den Musicals und Revuen; darunter I Got Rhythm, When You Want‘em You Can´t Get‘em, Fascinating Rhythm und The Man I Love, weiters die berühmten Orchesterwerke Rhaspody in Blue und An American in Paris, sowie die Oper Porgy and Bess.

Buchtip: Jürgen Schebera: George Gershwin: Eine Bildbiographie, Leipzig: Kiepenheuer 1994.


made by Werner Goebl, 12.08.1998, last update 17.07.1998