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Saitenweise.  . . . . . . . . . .30. April 1998 . . . . . . . . . . Nummer 5

Neue Musik

“Etwas zu machen, was schon einmal war, ist für mich uninteressant...”

“Klingende Flächen und Massen, die einander ablösen, durchstechen und ineinanderfließen – schwebende Netzwerke, die zerreißen und sich verknoten – Zustände, Ereignisse, Vorgänge, Verschmelzungen, Verwandlungen, Katastrophen, Zerfall, Verschwinden – all dies sind Elemente dieser nicht puristischen Musik.” (G. Ligeti)

von Johannes Maria Staud

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Zweifelsohne einer der wichtigsten und innovativsten Komponisten unseres Jahrhunderts, György Ligeti, feiert seinen 75. Geburtstag – Grund genug, ihn deshalb in dieser Ausgabe näher vorzustellen.

Geboren wurde Ligeti am 28. Mai 1923 als Sohn ungarischer Juden im siebenbürgischen Städtchen Dicsöszentmarton. Mit 14 Jahren begann er zu komponieren, und so studierte er nach seiner Matura zunächst am Klausenburger Konservatorium Harmonielehre und Kontrapunkt bei Fernenc Farkas und privat bei Pal Kadosa Komposition. Diese Begegnung war für ihn entscheidend, sich ganz der Musik zu widmen und sein ebenfalls begonnenes Mathematik-Studium bald abzubrechen. Dennoch durchlebte Ligeti alles andere als eine leichte Kindheit, mußte er doch als Jude die aufkeimende antisemitische Stimmung der Zwischenkriegszeit am eigenen Leib erfahren. Im Zweiten Weltkrieg verlor er beide Eltern, seinen jüngeren Bruder und mehrere Verwandte im Konzentrationslager. Nach dem Krieg studierte er an der Budapester Musikhochschule Komposition und wirkte dort auch nach seinem Diplom von 1952-1956 als Dozent.

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...schwebendes Netzwerk von mikropolyphonen Stimmen; Das Gewebe ist so dicht, daß nur die übergeordnete Gestalt (innerlich unruhiges, "statisches" Klangfeld) wahrgenommen wird...

Seine Kompositionen dieser Zeit ( z.B: das 1. Streichquartett “metamorphoses nocturnes”) tragen, obwohl noch stark von Bartok beeinflußt, schon unverkennbar die Züge des späteren Ligeti. Manche der musikalischen Typen, die er hier konstituierte, werden ihn sein ganzes Leben lang beschäftigen. Wilde, mechanisch anmutende, sich zusehends verdichtende Passagen werden schroff gegen introvertierte, äußerst ruhige, statisch anmutende gesetzt, die Vielfalt der Charaktere füllt somit den Raum zwischen den beiden Extremen aus. Und dies, obwohl sich das ganze Stück aus einer 4-tönigen Keimzelle herausentwickelt. Auch diese kompositorische Ökonomie sollte für das ganze Schaffen Ligetis von Bedeutung sein.

Der Durchbruch im Westen Natürlich widersetzte sich seine Musik den Maximen des sozialistischen Realismus und hatte somit keine Chance auf Aufführung. Nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen entschloß sich Ligeti – aus Angst, in Ungarn als politisch und kulturell vom Westen beeinflußt zu gelten – 1956 zur Flucht. Über Wien kam er nach Köln, wo er Kontakte zu den wichtigsten avantgardistischen Komponisten dieser Zeit (Boulez, Stockhausen, Nono, Maderna, Cerha) knüpfte. Er studierte deren Werke und diejenigen der 2. Wiener Schule, was seinen Schaffensprozeß unglaublich beflügelte.

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...statisch anmutendes, sich nur unmerklich veränderndes und bewegendes Klangbild...

1960 wurden auf dem Fest der “Internationalen Gesellschaft für Neue Musik" (IGNM) in Köln seine “Apparitions” für Orchester uraufgeführt. Diese Premiere war eine Sensation, welche die musikalische Welt aufhorchen ließ: Das neue Werk unterschied sich empfindlich von allem, was man zu hören gewohnt war. Man merkte, daß der bis dahin wenig bekannte ungarische Komponist im Begriff war, ein neues Klanguniversum zu entdecken, und man wurde sich bewußt, daß er keiner der damals herrschenden Richtungen avantgardistischer Musik zugeordnet werden konnte.

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...wildes, rastloses Vorwärtsdrängen, von Ligeti als "harte" Musik bezeichnet...

Mit “Apparitions” und dem nachfolgenden “Atmosphères” (1961) entwickelte Ligeti die Cluster-Technik in ganz origineller, neuer Weise weiter. Sein Ziel war das Komponieren von vielstimmigen Geflechten, die so dicht sind, daß die einzelnen Intervallmengen als polytonales Netz wahrgenommen werden können. Wichtig wird nur die Bewegung des Klanges (Bewegungsfarbe), das Ausloten von Registern und archetypischen Spannungs- und Entspannungsmustern. Permanente Weiterentwicklung Infolge setzte Ligeti in jedem Werk andere Schwerpunkte, was aber niemals einen beliebigen Stilwechsel zur Folge hatte, sondern eine kontinuierliche künstlerische Weiterentwicklung, die ihm immer neue Ausdrucksmöglichkeiten eröffnete. So zum Beispiel die brillant-komischen “Aventures” und “Nouvelles Aventures” für drei Sänger und sieben Instrumentalisten (1962-65), die das Beziehungsgeflecht Phonetik-Semantik-Klang ausleuchten, das Chorstück “Lux aeterna” (1966), welches das Prinzip des Kanons radikalisiert, “Continuum” für Cembalo, das sich mit dem Phänomen nicht gespielter rhythmischer Strukturen, die dennoch als Illusionsmuster wahrnehmbar sind, beschäftigt, oder die Schlüsselwerke, die als Subsummierung seiner damaligen kompositorischen Ideen angeschaut werden können: “10 Stücke für Bläserquintett” (1968) – siehe Notenbeispiele – , “Kammerkonzert” (1969/70) und “Melodien” (1971). Obwohl Ligeti serielle Techniken ( = Organisation von Tonhöhe, -dauer, Dynamik und Klangfarbe) beim Komponieren seiner Stücke anwendet, erkannte er doch, daß den Einzelmomenten im Strukturgefüge einer Komposition nicht die gleiche Relevanz zuzukommen braucht. ...eine vergeistigte, stark verdichtete Kunstform... Ihm geht es darum, daß die Konstruktion einen musikalischen Zusammenhang ermöglicht, der ein Stück stimmig und stringent erscheinen läßt und in dieser Form auch für den Hörer erkennbar ist. Nach seiner Oper “Le Grand Macabre” (1974-77) ist bei Ligeti spätestens mit seinem “Horntrio” (1982) aber doch eine deutliche Veränderung der musikalischen Sprache feststellbar. Sein Ziel ist eine “ ...stark affektive, kontrapunktisch und metrisch sehr komplexe Musik, labyrinthhaft verästelt, mit durchhörbaren melodischen Gestalten, doch ohne jeglichen ´Zurück-zu´-Gestus, nicht tonal, doch auch nicht atonal. Ich habe noch keinen Namen für die Bezeichnung dieser kompositorischen Richtung und suche auch keinen Namen. Was mir vorschwebt ist eine vergeistigte, stark verdichtete Kunstform...” Auch die Beschäftigung mit der Polymetrik außereuropäischer Kulturen und ihre Integration in Ligetis von der abendländischen Tradition geprägte Musik, nicht aber manierierter Exotismus trug zum Entstehen großartiger Werke bei, wie den rythmisch vertrackten, mitreissenden Klavieretüden, dem Violinkonzert (1990-92) und dem Klavierkonzert (1985-87). Natürlich ist dieser Versuch, in die Musik Ligetis einzuführen, ziemlich unzureichend, da man ganze Bücher füllen müßte, um diesem wichtigen, richtungsweisenden Komponisten auch nur annähernd gerecht zu werden. Deshalb sei jedem Leser ans Herz gelegt, sich mit der wirklich faszinierenden Musik dieses Komponisten zu befassen und in sein musikalisches Universum einzutauchen!

Die Partiturausschnitte stammen aus 10 Stücke für Bläserquintett (1968)
und stellen sehr plastisch wesentliche Grundideen der Musik Ligetis dar.


made by Werner Goebl, 11.05.1998, last update 23.05.1998