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Saitenweise.  . . . . . . . . . .30. April 1998 . . . . . . . . . . Nummer 5

Praxis

Musizieren mit dem Körper

Ohne unseren Körper wären wir nicht imstande, Musik auszudrücken. Verspannungen und Atemprobleme schränken unsere Ausdrucksmöglichkeiten und unser Wohlbefinden beim Musizieren ein. Das individuelle Körper- und Atemtraining (IKA-Training) bietet Möglichkeiten an, derartige Schwächen und Defizite gezielt zu überwinden.
Ein Beitrag von Katharina Domanig.

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Giuseppe Tartini, Piran, Istrien

TRTNI2.GIF Immer wieder erlebte ich selber beim Üben, in meinen Gesangsstunden und bei Konzerten, daß ich nicht so musizieren konnte, wie ich es gerne wollte. Entweder tut man zu viel oder zu wenig, oder man weiß nicht, was man tun soll, damit man sich wirklich wohlfühlt und beim Zuhörer auch wirklich das ankommt, was man gerade ausdrückt. Der Körper verselbständigt sich in solchen Momenten. Durch die Arbeit mit vielen Musikern und meinen eigenen Erfahrungen habe ich daraufhin ein Training entwickelt, das jedem die Möglichkeiten geben soll, sich seinen Körper zum Verbündeten zu machen – ein individuelles Werkzeug für ein verbessertes Körpergefühl. Überlegen wir uns aber doch einmal gemeinsam, was man sich von ganz großen Künstlern abschauen kann, die ihren Körper zum Verbündeten haben: wie bewegen sie sich, wie atmen sie, wie treten sie auf, warum berührt uns ihr Spiel auf ganz besondere Weise, warum kommen sie so gut an?

Vielleicht habt auch Ihr unter den ganz großen Künstlern und Stars ein Vorbild, das Ihr bei einem Konzert einmal genauer beobachten könnt. Ich habe mir Videoaufnahmen von dem großen Meister Yehudi Menuhin ganz genau angeschaut.

Dabei ist mir folgendes aufgefallen: Er steht immer mit beiden Fü ßen auf dem Boden, etwas breitbeinig. Es scheint, als wäre er im Boden fest verankert. Dabei steht er nicht stocksteif. Im Gegenteil, sein ganzer Körper bewegt sich mit der Musik, aber man spürt, daß er ganz fest in sich verwurzelt ist. Für mich macht es den Eindruck, als würde er mit jeder Faser seines Körpers die Musik, die er gerade spielt, mit Freude und Leidenschaft empfinden und durch sich klingen lassen. Er ist auch nicht zusammengesackt und lasch, sondern aufrecht. Bevor er zu spielen beginnt, stellt er seinen Körper auf eine gute Spannung ein und entspannt ihn erst, nachdem die Musik verklungen ist. Sein Atem fließt, er schnappt weder nach Luft, noch beißt er die Zähne zusammen, was man von außen an den Gesichtsmuskeln beobachten kann. Sein Brustkorb, seine Schultern, sein Nacken sind entspannt. Arme, Hände und Finger bewegen sich leicht, schnell und trotzdem kraftvoll. Seine Geige und sein Körper sind eine Einheit. Er schaut so aus, als würde ihm das Musizieren unglaublich Spaß machen. Er ist nur auf sich und die Musik konzentriert und beobachtet nicht, wie er bei anderen ankommt und ob sie gut finden, was er macht (auch nicht auf den frühen Aufnahmen, als er noch gar nicht berühmt war!)

Er sagt: “Spielen ist nicht nur eine mechanische Sache, sondern der ganze Körper muß empfinden und frei sein.” “Don’t worry, it would come naturaly, just sing the music with the whole body”. Er selbst macht heute als 80jähriger immer noch regelmäßig Yoga-Übungen. Jetzt werdet Ihr Euch vielleicht denken, was soll das alles, Sir Yehudi Menuhin ist ein Superstar, und das kann ich nicht mit meiner eigenen Situation vergleichen. Wer von Euch einmal so erfolgreich sein wird wie Yehudi Menuhin, kann man nicht im voraus sagen. Es kann nur jeder, auf dem Niveau, auf dem er gerade ist, sinnvoll üben und jene Dinge lernen, die andere zu Stars gemacht haben. Das bedeutet nicht, daß wir unsere eigene Persönlichkeit aufgeben sollen, denn das Schöne ist ja, daß Musik auf so vielfältige Weise interpretiert werden kann. Trotzdem können wir von großen Persönlichkeiten lernen, was es ausmacht, sich in die Musik einzubringen und den Körper so einzusetzen, daß man immer besser wird. Was wäre, • wenn es uns gelänge, so freudig und konzentriert die Musik zu empfinden, auf beiden Füßen stehend, in uns verankert? • wenn wir es schaffen, so mit der Musik zu verschmelzen, daß wir uns während des Vortrags nicht mehr fragen, ob wir auch gut wirken, sondern in uns Halt und Sicherheit haben und dadurch den Mut, einfach zu spielen, wie wir es eben momentan können. Wenn wir es nicht tun, werden wir nie wissen, wie gut wir sein könnten!

Der bewußte Einsatz des Körpers beim Musizieren ersetzt nicht das Trainieren technischer Fertigkeiten am Instrument. Nur – wir können schneller, leichter, kräftiger, intensiver spielen, wenn wir lernen, Verspannungen loszulassen, in uns einen flexiblen inneren Halt aufzubauen und unseren Atem, den Träger unserer Empfindungen fließen zu lassen.

Denn:
• Die Geläufigkeit unserer Finger hängt von der Entspannung im Oberkörper ab
• Die Atemführung bei Bläsern und Sängern, aber auch bei allen anderen Musikern! hängt von der Qualität unserer Atmung ab.
• Wie sehr wir unsere Atmung bewußt führen und trotzdem fließen lassen können, hängt nicht zuletzt davon ab, inwieweit wir fähig werden, unsere Muskelverspannungen zu lösen. Denn – verspannte, harte Muskeln verhindern, daß sich die Lungen gut ausdehnen können.

Sich den Körper zum Verbündeten zu machen, ist etwas, was Ihr gut lernen könnt, es gehört nur genauso trainiert, wie das Üben am Instrument. Gewöhnt Ihr Euch daran, vor dem Üben den Körper “aufzuwecken” und “einzuspielen”, wird das Üben mit dem Instrument immer leichter und effizienter werden.

Dazu möchte ich Euch eine Körperübung aufschreiben, die hilft, den Körper “einzuspielen”. Macht Ihr sie jeden Tag vor dem Üben, werdet Ihr immer schneller verspannte Körperpartien auch während des Musizierens loslassen, Euren Körper immer differenzierter wahrnehmen und sinnvoller einsetzen können. Durch die großen Spannungsunterschiede zwischen Spannung und Entspannung lernt ihr nämlich die Spannungsstärke der einzelnen Muskeln besser zu spüren und könnt sie dadurch besser beeinflussen.

Übung: Legt Euch dazu auf den Rücken, die Beine liegen hüftbreit auseinander, die Arme befinden sich an den Körperseiten. Die Übung ist auch im Sitzen möglich, am besten im Kutschersitz oder im gelösten Sitzen in einem bequemen Sessel, in den man sich lehnen kann. Rücken und Hals sind durch das Anlehnen in einem spannungsfreien Zustand. Ich beschreibe jetzt die Übung für die Rückenlage: Alle folgenden Körperteile sollen möglichst kraftvoll ca. 6 Sekunden lang angespannt und danach losgelassen werden. Je mehr Ihr die auf die extreme Anspannung folgende Entspannung wahrnehmt und genießt, desto schneller werdet ihr mit Eurem Körper umgehen lernen. Speichert wie ein Computer den Unterschied zwischen Spannung und Entspannung und versucht immer mehr Euren Atem im ganzen Körper wahrzunehmen. Spüren wir den Atem im ganzen Körper, sind unsere Muskeln in der richtigen Spannung und der Körper offen.

Wir fangen bei den Füßen an:
• Den rechten Fuß fest anspannen, indem die Zehen entweder nach innen gekrallt oder auseinander gespreizt werden – dann den linken Fuß.
• Den rechten Fuß zum Körper ziehen und Spannung im Schienbeinmuskel spüren – dann den linken Fuß; zum Schluß beide Füße gleichzeitig.
• Das rechte Bein fest gegen die Unterlage drücken; dann das linke.
• Beide Popobacken zusammenzwicken.
• Den Bauch fest einziehen. Den Bauch fest rausdrücken.
• Das Kreuz in die Matte drücken.
• Das rechte Schulterblatt nach unten drücken, dann das linke...
• Beide Schulterblätter gegeneinander drücken ("Flügerl" zusammenschieben). Der Brustkorb spannt sich dadurch auf.
• Die rechte Hand gegen die Außenseite des rechten Oberschenkels drücken, dann die linke...
• Die rechte Hand zu einer Faust ballen, dann die linke – beide zusammen.
• Die rechte Hand im Handgelenk anbeugen und zum Körper hinziehen, die Spannung halten, das gleiche mit der linken.
• Die rechte Hand nach unten gegen die Unterlage drücken, dann die linke; dann beide gleichzeitig.
• Die Halswirbelsäule nach unten drücken und das Kinn zum Brustbein ziehen (Doppelkinn machen) und den Kopf in die Matte drücken!
• Entspannung des Gesichts: Die Lippen aufeinander pressen; die Zähne fest zusammenbeißen; die Mundwinkel nach außen ziehen; die Lippen spitzen; die Nase rümpfen; die Augen zudrücken, die Augenbrauen hochziehen; die Stirn runzeln; die Ohren zurückziehen; die Zunge weit und fest herausstrecken.

Vergeßt nicht nach jeder Anspannung zu entspannen und den Unterschied zu speichern! Nach dieser Entspannung des ganzen Körpers könnt Ihr Euren Atem überall spüren. Bleibt noch ein bißchen liegen und laßt den Atem durch den ganzen Körper fließen.

Wenn Ihr Fragen zu dieser Übung oder Schwierigkeiten mit Eurer Atmung habt bzw. Verspannungen, die Ihr loswerden wollt, könnt Ihr mich anrufen. Ich stehe Euch gerne zu Verfügung.

Katharina Domanig ist ausgebildete Sängerin und Pädagogin. Sie hat das IKA-Training (Individuelles Körper- und Atemtraining) durch ihre eigenen Erfahrungen als Sängerin im Umgang mit verschiedenen Atem- und Körpertechniken und aufgrund ihrer praktischen Erfahrung aus der Arbeit mit Musikern entwickelt. Sie arbeitet in Form von Einzeltrainings und im Rahmen von Seminaren für ALAC (Akademie für Lern- und Auftrittscoaching) als IKA-Trainerin und Auftrittscoaching-Assistentin (Wiener Jeunesse Orchester, Musikschule Krems). Sie ist telephonisch unter 01/596 44 02 erreichbar, bzw. 1060 Wien, Fallgasse 1/25.


made by Werner Goebl, 11.05.1998, last update 14.05.1998